Das Geschenk des Zuhörens, tierärztliche Pflege umdenken
Diese besondere Zeit zum Jahresende erinnert uns daran, wie wichtig es ist, miteinander in Verbindung zu kommen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das Bedürfnis nach Kontakt, nach Anerkennung und Verständnis ist grundlegend. Zuhören ist ein Akt der radikalen Präsenz, der die Beziehung zur Pflege, zum Tier und zu sich selbst verändert.
Humanere Pflege
Die heutige Gesellschaft drängt uns immer mehr zu Produktivität und Rentabilität, aber diese Entwicklung geht auf Kosten unserer Menschlichkeit. Lebewesen brauchen Zeit und Raum, um sich zu entwickeln. Lebewesen lassen sich nicht beschleunigen und wachsen nicht unbegrenzt. Das Gleiche gilt für Tierarztpraxen. Der aktuelle Trend geht dahin, dass Ketten kleine Praxen kaufen und die Tierärzte dazu drängen, ihren Umsatz zu steigern, immer mehr Leistungen zu verkaufen. Die Konsultationszeiten verkürzen sich, es bleibt gar keine Zeit, den Kontakt herzustellen, weder zum Tier noch zu seinem Besitzer. Die Pflege, die ursprünglich eine Gabe ist, verliert ihren Sinn, wenn sie zu Profit wird.
In der Welt der Pflege ist es unerlässlich, mit seiner Menschlichkeit und seinem Wohlwollen in Verbindung zu bleiben. Eine aufmerksamere Arbeitsweise, die auf die Bedürfnisse des Besitzers und des Tieres eingeht, ist für die Ausübung dieses äußerst anspruchsvollen Berufs unerlässlich, denn mit dem Herzen zu arbeiten gibt unserem Alltag einen Sinn. Die Zukunft liegt in einer weniger invasiven und weniger paternalistischen Medizin, in der der Tierarzt/ärztin berät und der Besitzer/in den Empfehlungen befolgt. Die Diskussion während einer Konsultation wird oft vom Tierarzt/ärztin dominiert. Nach einigen kurzen Fragen wird der Dialog schnell zu einem Monolog. Diese hierarchische Beziehung ist für beide Seiten kostspielig und verhindert einen echten Austausch.
Technik allein heilt nicht
Natürlich sind medizinisches Wissen und technische Kompetenzen ausschliesslich Sache des Tierarztes/der Tierärztin. Wenn diese jedoch nicht mit zwischenmenschlichen Fähigkeiten einhergehen, reichen sie für die Behandlung eines Lebewesens bei weitem nicht aus.
Angesichts der Krankheit seines Tieres, einer Situation, in der Unsicherheit herrscht und manchmal das Lebensende spürbar ist, kann sich der Besitzer in einer Position grosser Verletzlichkeit befinden. Emotionen kommen hoch und können Verwirrung hervorrufen. Entscheidungen zu treffen wird dann zu einer echten Herausforderung. Der Aufbau einer Vertrauensbeziehung zum Tierarzt/ärztin ist von entscheidender Bedeutung. Dieses Vertrauen, das die Besitzer uns schenken, indem sie uns das Leben ihres Tieres anvertrauen, ist einfach bewundernswert. Behandeln bedeutet auch, diese Verbindung zwischen dem Pfleger und dem Besitzer des Patienten zu pflegen.
Schließlich ist es zutiefst bewegend, direkt eine Vertrauensbeziehung zum Tier aufzubauen, und das uns täglich nährt. Es ist wohl möglich, die Zähne eines Patienten sanft und respektvoll zu untersuchen, anstatt dies mechanisch und kalt zu tun. Das Tier spürt den Unterschied deutlich. Dazu muss man langsamer werden und sich dem Rhythmus des Patienten anpassen. So hat jede Konsultation ihre eigene Farbe. Diese Vielfalt der Kontakte macht die Schönheit unseres Berufs aus
Die Qualität der Präsenz
Pflege erfordert Zuhören, und Zuhören erfordert Zeit, langsamer werden und das annehmen, was anwesend ist. Die angebotenen Ratschläge und Behandlungen werden besser auf die Realität der Situation angepasst und besser anwendbar sein, wenn die Einschränkungen berücksichtigt und respektiert werden. Manche Katzen werden keine Tabletten schlucken. Manche Menschen werden die emotionale oder finanzielle Belastung bestimmter Behandlungen nicht tragen können. Wenn man diesen Einschränkungen Raum gibt, kann man die beste Lösung für das Tier und seinen Besitzer finden. Der Wunsch, vorgeschriebene Empfehlungen zu befolgen, ohne den Lebenskontext und die verfügbaren Ressourcen zu berücksichtigen, führt unweigerlich zu Frustration und oft letztendlich zum Scheitern der Therapie.
Fürsorge für Pflegekräfte
Präsenz und Zuhören erfordern Ressourcen. Tierärzte sind besonders stark von Burnouts und Selbstmorden betroffen. Erschöpft und ohne Ressourcen werden unser Beruf, und die damit verbundene Verantwortung und emotionale Belastung, zu schwer zu tragen.
Entgegen dem, was logisch erscheinen mag, führt eine einfühlsamere und humanere Arbeitsweise nicht zur Erschöpfung den Pflegekräften. Die Arbeit im Einklang mit dem eigenen Rhythmus und dem der Patienten gibt uns Energie. Die Verbindung ist ein starker Antrieb, sie bringt Dankbarkeit und Zufriedenheit. Unser Beruf wird von einer Rückkehr zu mehr Menschlichkeit, Respekt vor dem Leben und Selbstachtsamkeit stark profitieren.
In dieser festlichen Zeit könnten wir alle dieses wunderbare Geschenk des Zuhörens machen, sei es einem Tier, einem Kunden, einem Gesundheitsdienstleister, einem Unbekannten auf der Straße… und uns gegenseitig von der so entstandenen Verbindung nähren.